WOHNHAFT IM VERBORGENEN

Die Hostelwirtschaft mit Wohnungslosen

Ein Lehrforschungsprojekt in Zusammenarbeit mit

Zehntausende Menschen finden momentan in Berlin keinen Zugang zu einer eigenen Wohnung und sind somit wohnungslos.

Um ihre Straßenobdachlosigkeit zu vermeiden, verweisen die Berliner Bezirke* wohnungslose Menschen an Hostels und übernehmen die Übernachtungskosten**. Insbesondere Menschen mit Fluchthintergrund sind davon betroffen. Die bisherige politische und öffentliche Aufmerksamkeit auf das Thema der Unterbringung von Menschen mit Fluchthintergrund in Berlin fokussiert sich fast ausschließlich auf die Unterbringung von Asylbewerber_innen auf Landesebene. Die großen Herausforderungen seitens der Bezirke, mit aufenthaltsgenehmigten wohnungslosen Menschen*** umzugehen, bleiben hingegen weitgehend ohne Beachtung.

Jeder der zwölf Berliner Bezirke ist für einen der zwölf Geburtsmonate zuständig. Alle im Januar Geborenen werden vom Bezirk Mitte, alle im Februar Geborenen vom Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg betreut etc. (Geburtsdatenprinzip). Da es immer wieder vorkam, dass viele Geflüchtete nicht alle notwendigen Dokumente vorlegen konnten, entstand die Handhabung, diesen den 1. Januar als Geburtsdatum zuzuweisen. Aus diesem Grund sind überproportional viele aufenthaltsgenehmigte Menschen in die Zuständigkeit des Bezirks Mitte gelangt.

Bei der Kostenübernahme (KÜ) handelt es sich um ein Dokument, das den Hostelbetreibenden die Übernahme der Beherbergungskosten für die jeweilige wohnungslose Person durch den Bezirk über einen Zeitraum von bis zu sechs Monaten zusichert. Aus juristischer Sicht wird die Vereinbarung, also der Vertrag, jedoch nicht zwischen dem Bezirk und dem Hostel geschlossen, sondern zwischen der wohnungslosen Person mit der KÜ und dem Hostel. Wenn die Kostenübernahme nach sechs Monaten ausgelaufen ist, oder die Betreiber_innen die Unterbringung vorzeitig beenden, was jederzeit möglich ist, muss die wohnungslose Person zurück zum Amt, um erneut eine KÜ zu beantragen. Mit der neuen KÜ kann eine Zuweisung in ein anderes Hostel erfolgen. Der Prozess beginnt dann von vorn.

Uns war eine Alternative zum häufig benutzen Terminus Statusgewandelte wichtig, da dieser die Rahmung als Flüchtlingsproblem verstärkt. Die von uns geschaffene Bezeichnung aufenthaltsgenehmigte wohnungslose Menschen hingegen betont primär die Bedeutung der Wohnungslosigkeit und deren besondere Auswirkung auf Menschen, die den Asylprozess in Deutschland durchlaufen haben und im Moment ihrer ersten Aufenthaltsgenehmigung in die Zuständigkeit der Berliner Bezirke fallen. 

Geflüchtete: Der Prozess von der Ankunft bis ins Hostel

Nach der Zuweisung und Ankunft in Berlin durchlaufen die Asylantragsstellenden die verschiedenen Unterkünfte des Landesamts für Flüchtlingsangelegenheiten. Nach dem Bescheid über ihren Aufenthaltsstatus durch das BAMF gehen sie in die Zuständigkeit der Berliner Bezirke über. Die nunmehr Aufenthaltsberechtigten müssen sich auf Wohnungssuche begeben, die von den bezirklichen Jobcentern und Sozialämtern nach den üblichen Sätzen übernommen werden. Da die Aufenthaltsberechtigten in der Regel keine Wohnung auf dem Berliner Wohnungsmarkt finden, sind sie von Obdachlosigkeit bedroht. Die Bezirke reagieren darauf, indem sie die aufenthaltsberechtigten Wohnungslosen in Hostels unterbringen. Seit Jahren dauert die Unterbringung von bisher über 30.000 Wohnungslosen in Hostels an (Senatsverwaltung für Integration, Arbeit und Soziales 2017), da sie keinen Zugang zum Berliner Wohnungsmarkt bekommen.

Abfolge der Unterbringung geflüchteter Menschen
Legende: GU (Gemeinschaftsunterkunft), Tempo (Tempohomes/Container), MUF (Modulare Unterkünfte für Flüchtlinge), WHG (Wohnungen), NU (Notunterkünfte), HOST (Hostel), KÜ (Kostenübernahme) // Grafik stellt denn Ablauf von Januar 2017 dar

Asylbewerber_innen werden nach dem Königsteiner Schlüssel auf die sechzehn Bundesländer aufgeteilt. Als Stadtstaat weist Berlin eine Besonderheit auf: Die Stadt vereint sowohl die Landes- als auch die Kommunalebene. Die Aufgaben der Landesebene werden von den Senatsverwaltungen übernommen, die der Kommune von den Bezirken. Für den Asylprozess bedeutet das konkret, dass das Land Berlin für die Zeit vor und während der Beantragung für die Unterbringung der Asylbewerbenden zuständig ist. Nach einem positiven Bescheid gehen die anerkannten Asylbewerbenden als Aufenthaltsgenehmigte in die Zuständigkeit der Bezirke über.

Während des Asylprozesses ist in Berlin das Landesamt für Flüchtlingsangelegenheiten (LAF) für die Versorgung und Unterbringung der Antragstellenden zuständig.[2] Das LAF errichtet in Kooperation mit der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Wohnen (SenSW) und den sechs Berliner Wohnungsbaugesellschaften modulare Wohnbauten (MUF). Nach der Ankunft in Berlin werden Antragstellende im Ankunftszentrum (AkuZ) registriert und für die ersten Tage untergebracht. Danach werden sie auf die im ganzen Stadtgebiet befindlichen Erstaufnahmeeinrichtungen (EAE) verteilt, wo sie idealerweise bis zu sechs Wochen, maximal sechs Monate, verbleiben sollen. Anschließend sollen die Antragstellenden in Gemeinschaftsunterkünfte (GU) ziehen. Gemeinschaftsunterkünfte können umgenutzte beziehungsweise ungenutzte Bestandsgebäude, eigens entwickelte Containerunterkünfte (Tempohomes) oder modulare Wohnbauten (MUF) sein.

Nach dem Abschluss ihrer Asylverfahren gehen die nunmehr aufenthaltsgenehmigten Menschen, in der Behördensprache gerne Statusgewandelte genannt, in die Zuständigkeit der Bezirke über. Dort werden sie entsprechend der Kategorie von Arbeitsfähigkeit, der sie zugeordnet wurden, vom Jobcenter (nach SGB II, arbeitsfähig) oder vom Sozialamt (nach SGB XII, nicht arbeitsfähig) betreut. Teilweise übernimmt die soziale Wohnhilfe eines Bezirks die Unterbringungskosten.

Aufenthaltsgenehmigten Menschen stehen dieselben Sozialleistungen zu wie der deutschen Bevölkerung im Allgemeinen. Zu den Leistungen gehört insofern auch die Finanzierung einer eigenen Wohnung. Da die Preise auf dem Berliner Wohnungsmarkt in den letzten Jahren extrem gestiegen sind, wird es für (wohnungslose) Menschen mit geringem Einkommen zunehmend schwierig, Zugang zu einer Wohnung zu finden. Für aufenthaltsgenehmigte wohnungslose Menschen ist dies noch schwieriger, da ihre Aufenthaltsgenehmigungen oftmals nur für einen begrenzten Zeitraum ausgestellt sind, auch wenn davon auszugehen ist, dass sie lange bleiben dürfen (vgl. Piechura 2018).

DIE HOSTELS

Was ist das genau - ein Hostel?

Durch den zahlreichen Zuzug von geflüchteten Menschen seit 2015 und der damit einhergehenden großen Nachfrage nach Unterbringungsmöglichkeiten wurden verschiedenste Gebäude zu diesem Zweck umgewidmet. So zum Beispiel leerstehende Gebäude, Gewerberäume, aber auch einige auf Tourismus ausgelegte Hostels. Im Zuge der großen Nachfrage an Unterbringungsmöglichkeiten wurden viele neue Hostels eröffnet.

Hostels sind privatwirtschaftliche Beherbergungsbetriebe, es ist aber keine eingetragene gewerbliche Betriebsart, daher kann sich jeder Beherbergungsbetrieb Hostel nennen. Nicht alle auf den Tourismus ausgelegten Hostels haben also etwas mit dem Phänomen der Unterbringung von Wohnungslosen zu tun. Es gibt kein eindeutiges Erkennungsmerkmal für die Hostels, in denen Wohnungslose untergebracht werden. Vielmehr besteht eine große Bandbreite an Unterbringungsformen, die allesamt unter dem Sammelbegriff Hostel bezeichnet werden. Für die Eröffnung eines Hostels bestehen nur sehr wenige gesetzliche Vorgaben.

HOSTELTYPEN

Es gibt nicht das Einheitshostel. Bei unseren Recherchen haben wir festgestellt, dass sich die Hostels nicht primär über räumliche Merkmale kategorisieren lassen, sondern weitere Faktoren wie die ursprüngliche Zielgruppe und der Modus Operandi in die Betrachtung einbezogen werden muss. Die unterschiedlichen Hosteltypen treten räumlich vermehrt dort auf, wo sich die räumlichen Vorraussetzungen dafür bieten.

pension@2x

Eine Pension mit sozialem Anspruch

Die Pension ist gut angebunden und zentral gelegen. Von außen ist sie klar als Beherbungsbetrieb zu erkennen. Die Zimmer und die Ausstattung haben einen guten Standard und es wird Sozialarbeit angeboten. Der Betrieb hat eine Webseite.

hinterhof@2x

Ein unauffälliges Hostel im Hinterhof

Dieses Hostel ist im Hinterhof eines Innenstadt-Wohnviertels gelegen. Aufenthaltsgenehmigte Wohnungslose sind die Haupteinnahmequelle und das Hostel ist von außen nicht als Beherbungsbetrieb zu erkennen. Es gibt einen Sicherheitsdienst.

tourist@2x

Ein Hostel für Tourist_innen aus der Mittelschicht

Dieses Hotel ist zentral gelegen und der Haupterwerb besteht je nach Saison entweder aus der Unterbringung von Tourist_innen oder Aufenthaltsgenehmigten Wohnungslosen. Es gibt einen Sicherheitsdienst im Hostel. Der Standard der Zimmer ist gut. Es gibt eine Webseite mit Informationen.

kette@2x

Die Kette

Dieses Hostel ist Teil einer Kette. Es gibt mehrere Hostels im Bezirk, die vom gleichen Inhaber betrieben werden. Die Hostels sind unauffällig mit einem kleinen Schild gezeichnet. Die Webpräsenz der Hostel-Kette beinhaltet weder Fotos noch ein Buchungsformular. Aufenthaltsgenehmigte Wohnungslose sind die Haupteinnahmequelle. Die Qualität der Einrichtung ist niedrig (lt. Medienberichten).

monteur@2x

Eine Pension für Monteur_innen

Dieses Hostel ist nicht zentral gelegen. Vor allem kommen dort Menschen unter, die z.B. von einer Baufirma beauftragt worden sind und eine günstige Unterkunft mit Selbstversorger-Küche suchen. Aufenthaltsberechtigte Wohnungslose sind eine zusätzliche Einnahmequelle, um das Hostel voll belegen zu können. Es gibt eine Webseite mit vielen Fotos und einem Buchungsformular. Die Bewertungen auf Buchungsportalen sind schlecht.

wohnung@2x

Die zweckentfremdete Wohnung

Diese Wohnung wird ordnungswidrig als „Ferienwohnung“ untervermietet. Aufenthaltsgenehmigte Wohnungslose schlafen dort zu mehreren in den Zimmern, die Wohnung ist überbelegt. Es gibt keinen Sicherheitsdienst oder Angestellte, die anwesend sind. Der Vermieter wohnt im selben Haus. Die Wohnung befindet sich außerhalb des Rings in einem Wohngebiet.

GRAUZONE HOSTEL

Der Idealablauf des Asylverfahrens sieht vor, dass die asylantragstellenden Menschen nach ihrem Statuswandel in eine eigene Wohnung ziehen. Dass sie durch die Umstände der Wohnungsnot in Wohnungslosigkeit geraten könnten, ist vom Gesetzgeber nicht bedacht. Die Unterbringung in Hostels zur Vermeidung der Straßenobdachlosigkeit geschieht unter dem Rückgriff auf das Allgemeine Sicherheits- und Ordnungsgesetz (ASOG). Zugleich gibt es keine gesetzlichen Bestimmungen zur Unterbringung (von Wohnungslosen) in Hostels.

GRAURAUM

Seitens der Verwaltung gibt es kein konkretes Wissen um die Lebenssituationen in den Hostels. Es besteht ein sehr lückenhaftes Wissen um die Eigenschaften des Phänomens der Hostelwirtschaft und seine Bedeutung für das Leben der Betroffenen. Es wird lediglich angenommen, dass die Situation sehr häufig sehr problematisch ist und Probleme wie Kindeswohlgefährdung oder Missbrauch im Raum stehen. Das Leben im Hostel bedeutet für die wohnungslosen Menschen eine ständige Unsicherheit, zum einen in Bezug auf die unsichere Verweildauer im jeweiligen Hostel, zum anderen auf die Wohnbedingungen in den Räumen der Hostels.

LEBEN im HOSTEL

Starre Regelstrukturen

Jedes Hostel besitzt eine eigene, harte Regelstruktur, die von den Hostelbetreibenden festgesetzt wird. Die Regelstruktur entspricht nicht unbedingt der geltenden Hausordnung und geht auch nicht immer konform mit geltendem Recht. Da die Bezirke die Hostels aber in der Regel nicht kontrollieren, bleiben die Regelverstöße der Betreibenden unbemerkt und ungeahndet. Die Bewohnenden sind daher den teilweise willkürlichen Regeln der Betreibenden ausgeliefert. Bewohnende müssen Sanktionen oder gar den Rauswurf aus dem Hostel fürchten, wenn sie gegen Regeln wie ein Rauchverbot verstoßen. Um folgenreiche Eskalationen zu vermeiden, werden Konflikte gemieden und alltägliche Wohnfunktionen, wie Duschen oder Kochen, außerhalb der Räumlichkeiten des Hostels erfüllt.

Survival of the fittest

Innerhalb der starren Regelstrukturen gibt es aber immer auch Spielräume, mit denen Hostelbewohnende versuchen, ihren repressiven Hostelalltag positiver zu gestalten. Ob Spielräume behauptet und ausgebaut werden, hängt davon ab, ob die jeweilige Person über gewisse Ressourcen verfügt und in der Lage ist, sie geschickt einzusetzen. Der überwiegende Teil der Schlüsselressourcen von geflüchteten Personen sind nicht ökonomische Mittel sondern Charaktereigenschaften, Sozialkompetenz, Wissen und Lernfähigkeit. Äußerst sozialkompetente Menschen können es schaffen, sich Privilegien zu sichern. Die Fähigkeit, soziale Kontakte aufzubauen und zu pflegen, ist daher die wichtigste Ressource der Hostelbewohnenden. Ohne Ressourcen sind die Bewohnenden den dominanten Machtstrukturen ungeschützt ausgeliefert.

Selbstplatzierung

Eine essenzielle Ressource, die selten in den Blick fällt, sich aber in unserer Analyse als bedeutend herausgestellt hat, ist die Fähigkeit zur Selbstplatzierung, also die Fähigkeit, mobil zu sein, den eigenen Körper zu bewegen … die Möglichkeit zur eigenen Entscheidung, wie und wohin man sich bewegt. Für solche Hostelbewohnenden, die über wenige Ressourcen verfügen oder sie nicht durchzusetzen wissen, kann die Selbstplatzierung die letzte Möglichkeit sein.

Das Hostelzimmer

Kritische Wohntätigkeiten

Grundlegende Routinen im Wohnalltag wie Kochen & Essen, Waschen & Duschen, Erholen & Entspannen und Lernen & Einrichten im Wohnalltag sind im Hostel nicht oder nur unter erschwerten Bedingungen möglich. Da die Koch- und Waschmöglichkeiten und oftmals sogar das Schlafzimmer mit Fremden geteilt werden müssen, besteht ein ständiger Bedarf des sensiblen Aushandelns mit anderen. Eine essenzielle Strategie zur Vermeidung von Konflikten innerhalb dieser Extremsituation ist die Auslagerung von Wohntätigkeiten und der emotionalen Aspekte des Wohnens zu Freunden, Verwandten oder an andere Orte in der Stadt. Die fehlende Möglichkeit zur Aneignung des Raumes und suboptimale Lebensbedingungen führen auch dazu, dass eine Identifikation mit dem Hostel üblicherweise nicht stattfindet und sich die Bewohnenden nicht gerne im Hostel aufhalten. In der Folge verteilt sich das Wohnen auf verschiedene Orte in der Stadt.

Um die Prozesse des Aushandeln des Zusammenlebens im Hostel zu entschlüsseln, benutzen wir Codes und Conventions.

Codes & Conventions

Um die Aushandlungsprozesse des Zusammenlebens im Hostel zu entschlüsseln, benutzen wir Codes und ConventionsCodes können als Zeichen verstanden werden, die die Stadt, bzw. in diesem Fall das Hostel lesbar machen. Bei den Codes hängt die Übermittlung ihrer Bedeutungen vom Vorwissen der Einzelnen ab. Daher haben wir die Lesart mit angegeben, die unseren Wissensstand spiegelt. Codes können sowohl als diskursive Rahmungen als auch räumliche Arrangements erscheinen. Conventions beschreiben übliche Vorgehensweisen und wie sich üblicherweise auf Codes bezogen wird.

Anhand der Codes und Conventions konnten wir festhalten, wie die Handlungsmöglichkeiten der verschiedenen Akteure und damit die Machtverhältnisse zwischen ihnen ausgehandelt werden.

Axonometrie eines Hostels mit Codes und Conventions

Nicht zu lange duschen/kochen, weil andere Bewohnende auf die Koch-/Duschmöglichkeit warten.

Lautstärke nicht verursachen.

Nachts nicht telefonieren oder laut sein.

Fenster werden ständig oder lange geöffnet.

Lesart: Durch die (Über-)Belegung des Hostels sammeln sich verschiedene Gerüche in den Zimmern an. Teilweise wird auch am Fenster oder im Zimmer, sofern gestattet, geraucht. Danach wird das Fenster im Winter über einen läng- eren Zeitraum geöffnet und das Zimmer kühlt herunter.

Übernachtung von Gästen wird nicht oder nur gegen Gebühr gestattet.

Abwesenheit von Bildern/Postern.

Lesart: Die Bewohnenden empfinden ihr Zimmer nicht als privaten Raum (Temporalität) und wird daher nicht dekoriert.

Die Hostelbetreibenden haben ebenfalls eine/n Schlüssel/Chip-Karte und somit freien Zugang zu den Räumlichkeiten.

Der Koffer unterm Bett

Lesart: Zeichen für unzureichenden Stauraum.

Demontierte Klingel

Lesart: Deutet auf den Wandel eines touristischen Hostels zum “privateren” Hostel für Geflüchtete hin.

Manchmal können die Bewohnenden ihre Wäsche selbst waschen. Oft wird die Wäsche der Bewohnenden aber zusammen gewaschen: Dann wird die Wäsche zu einem festen Zeitpunkt abgegeben und liegt nachmittags gewaschen im Zimmer. Oder es gibt ein eigenständiges Sammeln der Wäsche durch die Bewohnenden, was zu Verzögerung führen kann. Dann müssen die Bewohnenden schmutzige Wäsche tragen.

Sammelabgabe, Namensschilder in der Kleidung.

Lesart: Die Wäsche der Bewohnenden wird zusammen gewaschen.

Zettel an der Tür, leere Küche

Lesart: Küche darf nur zu bestimmten Uhrzeiten betreten werden.

Die Küchen in den Hostels sind häufig überlaufen, geschlossen, oder es sind gar keine vorhanden. Dann verlassen die Bewohnenden das Hostel und speisen etwa in Imbissen.

Die Bewohnenden können bei unsachgemäßer Installation von Rauchmeldern in den Küchen nur eingeschränkt kochen.

Umliegende Parks und Grünanlagen werden als erweitertes Wohnzimmer genutzt.

Zur Erholung werden (Shisha-)Bars aufgesucht.

Legende Grundriss

NACHBARSCHAFT

Keine Identifikation mit der Nachbarschaft

Translokale Nachbarschaft

Die fehlende Privatsphäre und mangelnde Möglichkeiten zur Aneignung des Hostels sowie das ständige Wechseln des Hostels führen dazu, dass der Lebensmittelpunkt der Hostelbewohnenden nicht wie sonst üblich der des Wohnorts ist. Der Berliner Kiez als „unscharf konturierter Mittelpunkt-Ort alltäglicher Lebenswelten“ (Beer, 2013, S.140), spielt deshalb für die Hostelbewohnenden keine große Rolle. Die „Nachbarschaft“ der Hostelbewohnenden besteht nicht aus Orten in der Nähe des Wohnortes, sondern aus Orten in der ganzen Stadt, die sie sich nach ihren spezifischen Bedürfnissen zusammensuchen. Es findet eine Pluralisierung der Identifikationsorte statt. Die Mobilität ist dabei mehr als nur eine Bewegung zwischen zwei Punkten: sie ermöglicht Bewegungs- und damit Wahlfreiheit. Diese Bewegungen durch die Stadt definieren und produzieren einen neuen Raum, die translokale Nachbarschaft.

Austauschbare Orte, an denen grundlegende Besorgungen erledigt werden:

Wichtige Bezugsorte im gesamten Stadtraum, die nach Umzügen unverändert bleiben:

Orte nachbarschaftlichen Austausches

räumlichkeit der hostelwirtschaft

Die durch die Hostelwirtschaft ausgelöste Ausweitung der Nachbarschaft auf die Gesamtstadt führt zu einer ständigen Bewegung. Die Bewegung kann zum einen als Element einer Handlungsmacht der Hostelbewohnenden gelesen werden. Sie nutzen ihre Bewegung um sich selbst an Orten zu platzieren, an denen sie sich wohl fühlen – zumindest wohler als im Hostel – oder sie zumindest Konflikten im Hostel entgehen können. Bewegung hat also eine freiheitliche Komponente. Zugleich besteht in der Bewegung auch ein permanenter Zwang, der durch die Instabilität der Unterbringung und das Fehlen eines festen Zuhauses ausgelöst wird. Die durch die Hostelunterbringung ausgelöste Bewegung hat räumliche Auswirkungen. Wie sich das Phänomen der Hostelwirtschaft mit Wohnungslosen räumlich ausprägt, haben wir versucht beispielhaft an dieser Karte darzustellen.

Höre dir beim Erkunden der Karte die Geschichte des Charakters Amin an (auf Englisch). Die siebenminütige Erzählung ist für die Biennale in Seoul entstanden.

eine frage der Perspektive

Bei dem Versuch von Politik und Verwaltung wohnungslose Menschen vor Obdachlosigkeit zu schützen, machen sie sich vom privaten Unterbringungsgewerbe abhängig und liefern Wohnungslose an die Willkür der Hostelwirtschaft aus. Die Hostelwirtschaft zwingt viele tausende Wohnungslose in eine prekäre und unmündige Wohn- und Lebenssituation. Für Politik und Verwaltung ist die Hostelwirtschaft und ihre Abhängigkeit untragbar. Die Hostelwirtschaft ist für Politik und Verwaltung ein Zustand der derzeit zwar notwendig ist, aber schnellstmöglich überwunden werden muss. Ausreichend Wohnraum und mehr Unterkünfte für Geflüchtete sollen die Abhängigkeit vom Hostel beenden. Bis dahin erscheint das temporäre Phänomen der Hostels als notwendiges Übel. Derweil wird von Politik und Verwaltung jedoch versäumt, die eigenen Handlungsoptionen gegen die negativen Auswirkungen der Hostelwirtschaft zu untersuchen und somit die wohnungslosen Menschen vor Missbrauch zu schützen. Die Sichtweise auf die Hostelwirtschaft als temporäres Phänomen verhindert einen lösungsorientierten Ansatz, um mit der Hostelwirtschaft umzugehen.

Publikation

Diese Website ist eine kurze Einführung in das Phänomen der Hostelwirtschaft mit Wohnungslosen in Berlin. Für eine tiefere Auseinandersetzung mit dem Thema möchten wir einen Blick in unsere Publikation in Form von Buch und Karte herzlich empfehlen. Wir denken, dass Wissen Allgemeingut sein sollte und bieten die Publikation (Buch+Karte) daher unter der Creative Common Lizenz Creative Commons Namensnennung – Nicht-kommerziell – Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 International Lizenz an.

Darüberhinaus kann die Publikation auch in gedruckter Form erworben werden.